Sammlung
ab 24.11.2017

Augengefühle

Sammlung Kerstin Hiller und Helmut Schmelzer

Das Sammler­ehepaar Dr. Kerstin Hiller und Helmut Schmelzer hat eine ganze Reihe von hochkarätigen Kunstwerken gesammelt, die es dem Neuen Museum als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt. Dies allein wäre noch nicht bemerkenswert, doch die Sammler haben gezielt und in enger Absprache mit dem Museum für dessen Räume zugekauft. Auf diese Weise sind Ensembles zusammengekommen, die sukzessive seit Anfang des Jahres in den Sammlungsräumen des Ober­geschosses eingerichtet wurden. In einigen Fällen sind die Werke sogar speziell für die Räume des Museums entstanden und deshalb an sie gebunden. Am 23. November 2017 wird das Projekt erstmals als Ganzes vorgestellt.

Den Auftakt machte im Januar Franz Erhard Walther mit seinem Nürnberger Raum, der Maßstäbe für das Folgende setzte. Es schlossen sich Räume mit Werken von Wiebke Siem, Manuel Franke, Allan McCollum und Richard Artschwager an. Alighiero Boetti, Leni Hoffmann, Imi Knoebel, Michelangelo Pistoletto, Michael E. Smith und Rosemarie Trockel setzen nun weitere Glanzpunkte in einer an großen Namen und bedeutenden Werken nicht gerade armen Sammlung.

Weitere Glanzpunkte

Alighiero Boettis I sei sensi (Die sechs Sinne) ist ein Schlüsselwerk im Schaffen des italienischen Künstlers und Denkers. Elf große Tafeln sind fast flächen­deckend von blauen Kugelschreiberschraffuren bedeckt. Durch Zuordnung von ausgesparten, weißen Kommata zu einem Alphabet am linken Rand der ersten Tafel ergeben sich sechs Wörter: die Bezeichnungen der fünf Sinne und das Wort "pensare" (denken). "Es gibt fünf Sinne, der sechste Sinn ist das Denken, das Außerordentlichste, was der Mensch besitzt." (Boetti)

Ein anderes Wort für Denken ist Reflexion, ihr angestammtes Instrument ist der Spiegel. Michelangelo Pistoletto hat über sich selbst gesagt: "Wenn die Kunst der Spiegel des Lebens ist, dann bin ich der Spiegelhersteller." Mit zwei Spiegel­arbeiten ist der italienische Arte-Povera-Künstler in der Sammlung Hiller-Schmelzer vertreten. In einer wird ein Lumpenhaufen von einem senkrechten Spiegel durchschnitten, der jede Hälfte zur scheinbaren Ganzheit ergänzt.

Rosemarie Trockel entführt in ein klinisch-kaltes, weiß gekacheltes Séparée, in dem rätselhafte Dinge aufeinandertreffen: eine auf dem Kopf stehende Palme, mechanische Vögel, eine groteske Keramik, die als Weihwasserbecken dienen könnte, und eine Reproduktion von Courbets Der Ursprung der Welt, in der eine Spinne die Blöße verdeckt. Natur und Kultur, Gesellschaft und Geschlecht, Herrschaft und Kontrolle werden in starken, vieldeutigen Bildern verhandelt, die sich gegenseitig steigern.

Denken im Sinne Boettis ist intuitiv, kommt einem fühlenden Sehen gleich. Das von der österreichischen Schriftstellerin Friederike Mayröcker geborgte Wort "Augengefühle" ist eine poetische Metapher für das, was die Sammlung von Kerstin Hiller und Helmut Schmelzer im Innersten auszeichnet: die Einheit von Denken, Sehen und Fühlen. Konzeptuelle Strenge paart sich mit ästhetischer Evidenz und zeugt die schönsten "Augengefühle".

Kooperation

Eine Kooperation des Neuen Museums mit der Sammlung Kerstin Hiller und Helmut Schmelzer