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Presseinfo

Painterly

Von Warhol und Twombly bis heute – Malerei aus dem Museum Brandhorst

Presseinfo vom 02.10.2020

Ab dem 23. Oktober 2020 präsentiert das Neue Museum rund vierzig heraus­ragende Werke aus den europaweit einzigartigen Bestän­den des Museums Brandhorst in München.

Keine andere Institution in Deutsch­land hat den Diskurs um die Gegenwart und Zukunft der Malerei so konstant voran­getrie­ben. Painterly. Von Warhol und Twombly bis heute – Malerei aus dem Museum Brandhorst knüpft hieran un­mit­telbar an und widmet sich ins­be­sondere der Frage nach dem Status der maleri­schen Geste und des malenden Subjekts.

Die Ausstellung setzt die beiden in der Sammlung Brandhorst mit beacht­lichen Konvoluten vertretenen Heroen der Kunstgeschichte des 20. Jahr­hun­derts Andy Warhol und Cy Twombly in einen Dialog mit fünfzehn zeitge­nössi­schen Künst­ler_innen. Auf der einen Seite der durch seine Reproduktion vorgefundener massen­kultureller Bilder der konzeptuellste Vertreter der Pop Art. Auf der anderen Seite die expres­siven Gesten Twomblys, deren nervöse Spontaneität an groß­städtische Graffiti erinnert. Repro­duk­tion und Repetition sowie das scheinbar unvermit­telt Gestische lassen sich auch als Strategien aller weiteren beteiligten Künstler_innen erkennen, die damit Themen wie Macht- und Geschlech­terver­hältnisse, Subjekt und Kapitalis­mus oder künstlerische Produktion und Repräsen­tation im Hinblick auf digitale Technologien ergründen.

Die Prinzipien der Aneignung und Wiederholung und mit ihnen das Unter­wan­dern künstlerischer Grund­werte wie Originalität und Autor­schaft hat wohl nie­mand so dezidiert einge­setzt wie Andy Warhol, dessen Triple Elvis (1963) am Eingang der Ausstel­lung Painterly gleich dreifach auf die Besucher_innen zielt. Anders als andere Pop-Artisten greift Warhol als Quelle für seine Motivwelt nicht allein auf die Warenästhetik von Konsum­gü­tern und die Medienbilder der Unter­haltungsindustrie zurück, sondern er überführt seine Reproduk­tionen der­selben durch das Verfahren des Siebdrucks in eine bis dahin ungekannte Serialität.

Die Unsicherheit über den Status von vervielfältigten bildlichen Zeichen – werden sie sinnentleert und auf ihre Oberfläche reduziert oder entwickeln sich neue Bedeutungsgefüge? – kenn­zeichnet auch die Wiederholungs­stra­tegien weiterer Positionen, wie der von Sturtevant, Guyton\­Wal­ker und Josh Smith. Sturtevant gilt als Haupt­ver­tre­terin der sogenannten Appro­pri­ation Art. Ihre Arbeit Warhol Black Marilyn (2004) zeigt jedoch, dass die Aneignung fremder Kunstwerke nicht deren bedingungslose, jegliche Inter­preta­tion entbehrende Nach­ahmung bedeu­tet, findet sich im Werk Warhols doch keine schwarze Fassung des Mari­lyn Mon­roe-Porträts. Guyton\Walker, eine Künstlerpersona, zu der sich Wade Guyton und Kelley Walker zusammengefunden haben, reproduziert im digitalen Copy-Paste-Verfahren ihr eigenes Motivvokabular und verschmilzt es durch Aufdrucke auf Tische und Matratzen mit dem Prinzip des Readymade. Josh Smith hingegen scheint es vordergründig ganz um einen gestischen Ausdruck zu gehen. Erst durch seine Strategie der nicht abgeschlossenen Wiederholung von nur wenigen Motiven, darunter das Stopp-Schild, verliert selbst der betont expressive Duktus die Eigenschaft der Einmaligkeit und verbürgt nicht mehr einen künstlerischen Stil, sondern steht für einen formelhaften Einsatz.

Der Ambivalenz der malerischen Geste spürt auch eine Zusammenstellung von Werken Cy Twomblys mit denen von Monika Baer, Nicole Eisenman und Amy Sillman nach. Twombly ist be­kannt für seine subversiv eingesetz­ten skripturalen Elemente wie auch für seinen ausdruckstarken Farbauftrag, der nicht mehr, wie bei der Vorgän­ger­ge­neration der Abstrakten Expressio­nisten, die Authentizität eines Subjekts verbürgen, sondern bewusst die Nähe zu Alltagserscheinungen, wie Inschrif­ten im öffentlichen Raum, suchen. Dass das Anbringen von Schrift oder die Suggestion derselben eine Les­bar­keit und damit ein inhaltliches Verste­hen zwar in Aussicht stellt, aber nicht einlösen muss, führt Twombly wiederholt vor und hält damit, durch­aus provozierend, den maleri­schen Ausdruck zwischen Abstraktion und entzifferbarer Darstellung in der Schwebe.

Eine ähnliche Reflexion über die Un/Lesbarkeit piktorialer Zeichen verfolgen auch Künstler­innen wie Amy Sillman oder Nicole Eisenman, wenn sie über die Betitelung ihrer Werke entweder abstrakte Kompositionen in das Register der Gegenständlichkeit überführen, wie Sillmans Nose Job (2014/15), oder in figürlichen Arbeiten, wie Eisenmans Cat Walking Under a Disambiguous Trash Cloud (2017), gerade den im Titel als unmiss­verständ­lich bezeichneten Part der Bildkom­posi­tion am unein­deu­tigsten halten. Monika Baer nicht zuletzt reflektiert die malerische Expression als eine in der Kunst­geschichte lange Zeit als ingeniös männlich besetzte Schöpfung, die sie aber gleichsam humoristisch bricht und selbst lustvoll in Anspruch nimmt. So können gerade die Arbeiten der in Painterly vertretenen Künstlerinnen, vor allem auch Jana Eulers Darstel­lungen phallisch empor­schnel­lender Haie, als iro­nische wie selbst­bewusste Um- und Weiter­schrei­bungen eines vormals männ­lich domi­nierten Kanons der Gegenwarts­kunst gelten.

Hervorgegangen ist das Museum aus der Sammlung von Anette und Udo Brand­horst. Dank der 1993 gegrün­deten Brandhorst Stiftung verfügt das vom Freistaat Bayern betriebene Museum über einen großzügigen Ankaufsetat: Allein in den ersten zehn Jahren seit der Eröffnung 2009 wuchs die Sammlung um rund 500 auf 1.200 Werke. Dabei liegt ein weiterer inhalt­licher Schwerpunkt auf der künst­leri­schen Auseinandersetzung mit aktu­ellen Formen massenmedialer Bild­erzeugung und damit auf Fragen nach dem Einfluss digitaler Verfahren und Technologien unseres Informations­zeitalters. Auch die so bedingte Trans­formation des Lein­wand­bildes findet sich in der Nürn­ber­ger Prä­sen­tation wieder, etwa mit den Com­puterbildern von Albert Oehlen, den von Emojis übersäten Oberflächen Jacqueline Humphries’ oder den großformatigen, mit einem Tinten­strahl­drucker herge­stell­ten Werken von Wade Guyton.

Künstler_innen der Ausstellung

Monika Baer, Nicole Eisenman, Jana Euler, Wade Guyton, Guyton\Walker, Rachel Harrison, Jacqueline Humphries, KAYA (Kerstin Brätsch & Debo Eilers), Michael Krebber, Albert Oehlen, Seth Price, Ed Ruscha, Amy Sillman, Josh Smith, Sturtevant, Cy Twombly, Andy Warhol, Christopher Wool.

Laufzeit

23. Oktober 2020 bis 30. Mai 2021
Die Ausstellung wurde verlängert. Ursprünglich war eine Laufzeit bis 21. Februar 2021 geplant.

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