Testimony
Boris Lurie & jüdische Künstlerinnen aus New York
Ausstellung (Drei Räume)
26.09.2025 - 01.02.2026
Marsha Pels, Pieta (Detail), 1998
© Marsha Pels
Presseinfo vom 08.08.2025
Das Neue Museum Nürnberg präsentiert in drei Räumen die Ausstellung Testimony. Boris Lurie & jüdische Künstlerinnen aus New York und lässt das Werk des jüdischen Künstlers Boris Lurie (1924 – 2008) mit Arbeiten von Zoë Buckman (geb. 1985), Fancy Feast (geb. 1988) und Marsha Pels (geb. 1950) in einen vielgestaltigen Dialog treten. Drei zeitgenössische, jüdische Künstlerinnen, die ihre eigenen Beziehungen zu Sexualität, körperlicher Gewalt, Trauma und Familiengeschichte hinterfragen.
Die aktuelle Ausstellung Testimony schließt an die gleichnamige Ausstellung Testimony. Boris Lurie und zeitgenössische Kunst aus Osteuropa an, die 2024 Luries „War Series“ im Dialog mit jungen künstlerischen Positionen aus Belarus, Polen und der Ukraine neu kontextualisierte.
Im Zentrum steht nach Luries Blick auf den Krieg nun der Blick auf sein verzerrtes Frauenbild, wie es sich etwa in den Werkserien der "Dismembered Women" und der "Pinups" ausdrückt. Ihm gegenüber treten erneut zeitgenössische Positionen, die ähnlich wie Lurie die eigene Beziehung zu Sexualität, körperlicher Gewalt, Trauma und Familiengeschichte vor ihrer jüdischen Identität thematisieren und hinterfragen, den männlich geprägten Diskurs aber künstlerisch und inhaltlich aufbrechen.
Frauenbilder
Bilder von Frauen durchziehen das gesamte Œuvre von Boris Lurie (1924–2008). Der jüdische Künstler aus Leningrad verbrachte die Jahre 1941 bis 1945 in KZ-Gefangenschaft und emigrierte nach Kriegsende 1946 nach New York, wo er seine künstlerische Karriere begann und bis zu seinem Tod lebte. Lurie ist für Malereien und Collagen bekannt, in denen er sich mit dem Holocaust, den Traumata des Krieges, Konsumkritik und Sexualität auseinandersetzt. Oft vermengt er in seinen Arbeiten Sex und Tod, Demütigung und Würde, wenn er etwa schockierende Dokumentarfotos von Opfern des NS-Regimes mit pornografischen Darstellungen von Frauen kombiniert wie in der Serie der „Pinups“. Die Ambivalenz zwischen Erregung und Ekel war seine Art, mit dem Trauma des Holocaust umzugehen: Bei dem Massaker von Rumbula bei Riga hatte Lurie 1941 den Großteil seiner weiblichen Bezugspersonen verloren, seine Mutter, seine Schwester, seine Großmutter und seine Jugendliebe. Angesichts der Tatsache, dass die ermordeten Frauen sich vor ihrer Hinrichtung entkleiden mussten, sprach er vom „größten Striptease aller Zeiten“. Sein Entsetzen über die erlittene Unmenschlichkeit kommt in der Werkserie „Dismembered Women“ („Zerstückelte Frauen“) zum Ausdruck, die kurz nach seiner Ankunft in New York entstand. Die Bilder zeigen gesichtslose, deformierte und fragmentierte Frauenkörper teils stark abstrakt, teils fast figürlich.
Drei zeitgenössische Perspektiven
Die wie vormals Lurie in New York lebenden jüdischen Künstlerinnen Zoë Buckman, Fancy Feast und Marsha Pels erforschen in ihren Skulpturen, Textil- und Videoarbeiten den Wandel der Einstellungen zu jüdischer Identität, Weiblichkeit und Selbstdarstellung. Kuratorin Sara Softness vom Museum of Jewish Heritage in New York setzt diese Arbeiten in Bezug zu Boris Luries Werken und erweitert so den bisherigen, männlich geprägten Deutungsrahmen um feministische Perspektiven. Die Arbeiten der Künstlerinnen treten in der Ausstellung in drei Kapiteln den Werken von Lurie gegenüber: „Zerstückelung und die jüdische Psyche“, „Trauer“ und „Den Blick umkehren“. In diesem Kontext erscheinen Luries Darstellungen in neuem Licht. Konzeptkünstlerin Zoë Buckman (*1985) verhandelt in ihrer interdisziplinären Praxis Themen rund um Körper, Trauma und weibliche Selbstermächtigung. Fancy Feasts (*1988) Arbeiten bringen ihren außergewöhnlichen Blickwinkel als Burlesque-Künstlerin, Autorin und Sexualpädagogin ein. Marsha Pels (*1950) thematisiert als Bildhauerin und Installationskünstlerin Themen wie Macht, Politik und Weiblichkeit, aber auch ihre persönliche Familiengeschichte. Im Fokus steht ihre Serie der „Hitler Vitrines“, in denen aus Kristall gegossene Objekte platziert sind: eine Wirbelsäule, eine Gasmaske, eine Pistole, Stiefel und ein Totenschädel. Die Serie entstand während eines Fulbright-Forschungsaufenthalts in Norddeutschland, während dessen Pels die Geschichte ihrer deutsch-jüdischen Wurzeln erforschte.
Kurzbiographien
Fancy Feast (geb. 1988) ist Burlesque-Künstlerin, Autorin und Sexualpädagogin. 2016 wurde sie zur Miss Coney Island gewählt. Ihre erste Essay-Sammlung mit dem Titel Naked: On Sex, Work, and Other Burlesques wurde im Oktober 2023 bei Algonquin Books veröffentlicht. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Vogue, der Huffington Post und der Washington Post veröffentlicht. Sie tritt in Institutionen wie der Metropolitan Opera, dem Whitney Museum sowie in schummrigen Hinterzimmern in ganz Amerika auf. Sie lebt und arbeitet in Brooklyn, New York.
Zoë Buckman (geb. 1985) ist Konzeptkünstlerin. Ihr Werk umfasst Fotografie, Skulptur, Installation und Textilarbeiten. Sie studierte am International Center of Photography in New York und erhielt 2017 ein Stipendium der Art Matters Foundation. Ihre Arbeiten waren unter anderem in Ausstellungen im San Francisco Museum of Modern Art, dem Pérez Art Museum Miami, dem Norton Museum of Art in Palm Beach sowie im Arts Club London zu sehen. 2022 zeigte die Pippy Houldsworth Gallery in London ihre erste Einzelausstellung in Großbritannien mit dem Titel „BLOODWORK“. Werke von ihr befinden sich in den Sammlungen der National Portrait Gallery in London, des Whitney Museum of American Art in New York und des Institute of Contemporary Art in Miami. Sie lebt und arbeitet in Brooklyn, New York.
Marsha Pels (geb. 1950) ist Bildhauerin und Installationskünstlerin. Sie studierte Malerei an der Rhode Island School of Design in Providence und Bildhauerei an der Syracuse University in New York. Sie wurde 1984/85 mit dem renommierten Prix de Rome für Skulptur ausgezeichnet. Ihre Arbeiten thematisieren Macht, Politik, Weiblichkeit und persönliche Erinnerung – umgesetzt in poetisch aufgeladene Objekte aus Bronze, Glas und Metall. Sie hatte zuletzt Einzelausstellungen im Kunstverein Kreis Gütersloh, in der Galerie Lubov in New York und im Irish Museum of Modern Art in Dublin. Pels wurde vielfach gefördert, u. a. von der Fulbright Foundation, der Pollock-Krasner Foundation und dem Public Art Fund. Sie lehrt seit 2010 als Adjunct Associate Professor an der City University of New York. Sie lebt und arbeitet in Brooklyn, New York.
Boris Lurie (1924–2008) war autodidaktischer Künstler und Mitbegründer der NO!art-Bewegung. Sein Werk umfasst Assemblagen, Collagen, Gemälde und Texte, die sich kompromisslos mit den Themen Krieg, Gewalt, Konsumgesellschaft, Pornographie und Kunstmarkt auseinandersetzen. Lurie überlebte mehrere Konzentrationslager und emigrierte 1946 nach New York, wo er seine künstlerische Karriere begann. 1959 gründete er zusammen mit Sam Goodman und Stanley Fisher die NO!art-Bewegung, die sich radikal gegen Kommerzialisierung und Eskapismus in der Kunst stellte. Die Gruppe forderte stattdessen politische Stellungnahme, soziale Verantwortung sowie schonungslose Selbstexpression und lehnte Kunstströmungen wie Pop Art und Abstrakten Expressionismus entschieden ab. Ausgangspunkt der Bewegung war die March Gallery, eine von Künstlerinnen und Künstlern betriebene Galerie in der East 10th Street; später folgten Ausstellungen in der Uptown gelegenen „Gallery: Gertrude Stein“. Die Gruppe erregte großes Aufsehen mit provokanten Ausstellungen wie Doom, Involvement und Vulgar.
Nach Luries Tod 2008 gründete Gertrude Stein die Boris Lurie Art Foundation. Retrospektiven von Luries Werk wurden zuletzt unter anderem im Jewish Museum, New York (2023), im Museum Ludwig, Köln (2022), im Museum of Jewish Heritage, New York (2022), der Prada Foundation, Venedig (2021) oder dem Neuen Museum Nürnberg (2017) gezeigt.
Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Boris Lurie Art Foundation
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