Presseinfo

Goshka Macuga

Intellectual Co-operation

Die polnisch-britische Künstlerin Goshka Macuga (geb. 1967) arbeitet im Bereich der Installation und gleich­zeitig mit so unterschiedlichen Medien wie der Fotocollage, der Skulptur, groß­formatiger Tapisserie oder auch mit Video und Performance. Bekannt ist sie für ihre vielseitige Arbeitsweise, die bis in kuratorische und erzähle­ri­sche Fel­der hineinreicht. Durch ihre umfas­senden künstlerischen Recher­chen entwickelt sie für ihre Werke und Aus­stellungen Narrationen, in denen sie Imagination und Historie verbindet. Das „Material“ ihrer Arbeiten sind wegweisende Momente der Mensch­heits­geschichte wie auch heraus­ragen­de Werke anderer Künstler­innen und Künstler, die sie in immer neuen Displays spielerisch inszeniert.

Macugas Interesse gilt den vielen kulturhistorischen Verbindungen, insbesondere den internationalen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Für ihre Werke schöpft sie aus den Reservoiren unseres kollektiven Bildgedächtnisses. Dabei bedient sie sich existenter Kunstwerke als Readymades für ihre enzyklopädischen Plots, inspiziert Archive oder Sammlungen und entwickelt daraus zeitgenössische Wunder­kammern. Mit ihrer Auswahl wandert sie durch die Epochen und Disziplinen, geleitet von einer visuellen Faszination an den Objekten, aber auch von ihrer Begabung für assoziative Verknüpfungen.

Der Betrachter wird dabei auf eine Reise in die von Macuga illustrierte Kulturgeschichte mitgenommen, in der es, im Aby Warburg’schen Sinne, phänomenologisch viel zu entdecken gibt. Sie gestaltet raumgreifende Environments, angefüllt mit visuellen Anekdoten über die Menschwerdung oder den Posthumanismus. Ihre Werke formieren sich im Nachdenken über Geschichtsschreibung – oder über die mögliche Entlarvung der Illusion einer objektiven Geschichtsschreibung. En passant bettet sie aktuell relevante Fragen wie beispielsweise Genderthemen oder Kapitalismuskritik mit ein. Ästhetisch generiert sie opulente Bildwelten, Assemblagen und es entstehen lustvolle Appropriationen an neuralgischen Punkten der Historie.

So visualisiert sie in ihrem Werk mögliche Ereignisse „intellektueller Kooperationen“. In ihrer aktuellen Arbeit International Institute of Intellectual Co-operation (seit 2016) bezieht sie sich im Titel auf eine historische Zusammenkunft von Wissenschaftlern und Gelehrten, die in den 1920er und 1930er Jahren u. a. in Paris als eine Art Weisenrat (für die League of Nations) tagten. Macuga bindet in ihrer Arbeit eigens dafür gestaltete Bronzeköpfe interdisziplinär agierender Wissenschaftler und Denker, aber auch Revolutionäre und Aktivisten zusammen, die – erhaben über Zeit und Raum – in Relation miteinander stehen. Diese Begegnungen haben fiktiven Charakter, es sind hypothetische Zusammenkünfte, die potentielle Denkräume eröffnen. Beispielsweise trifft Slavoj Žižek auf Pussy Riot, die Guerrilla Girls sowie Francis Fukuyama (Configuration #2) oder Albert Einstein auf Alain Badiou, Ibn Khaldun und einen „Kanaken“ (Configuration #12). Ihre Köpfe sind mit Stangen untereinander verbunden und ergeben in der Balance der gegenseitigen Stabilisierung eine räumliche Installation, ihr Miteinander gleicht einer molekularen Struktur. In einem der Lichthöfe des Germanischen Nationalmuseums werden parallel zur Ausstellung im Neuen Museum diese Konfigurationen gezeigt.

In ihrer Installation Before the Beginning and After the End (2016) präsentiert Macuga (in Kooperation mit dem Künstler Patrick Tresset) auf sechs ausladenden Druckerei-Tischen Papierrollen, die mit Zeichnungen und dreidimensionalen Artefakten bestückt sind. Mit dieser Anlehnung an die Urform der Geschichts­schreibung – der Papyrusrolle als einem der ersten Medienträger – visualisiert sie die aktuelle Debatte um den Posthumanismus. Von den Anfängen unserer Chronik, wahlweise beginnend mit Adam und Eva oder mit der Evolutionstheorie frei nach Charles Darwin, über die Aufklärung, das Erwachen des Humanismus (der gesellschaftlichen Entwicklung, Technologisierung und Modernisierung), den Transhumanismus sowie spirituelle Einflüsse und die Selbstdestruktion des Menschen bis hin zu künstlerischen Systemen des 20. Jahrhunderts und ihrer Zeitgenossen. Alle diese Themen werden mit Objekten „untermalt“, die für Wendepunkte der Menschheitsgeschichte stehen. Für die im Neuen Museum ausgestellte „Nürnberger Version“ durfte sie auf die Schätze des Germanischen Nationalmuseums zurückgreifen. Aus dessen reichhaltigen Beständen wurden gezielt archaisches Werkzeug, wissenschaftliche Gerätschaften, Waffen, wegweisende Alltagsgegenstände oder kultische Objekte ausgesucht, um diese Themen zu illustrieren. Auf dem letzten Tisch fahren kleine Roboter umher, die von Patrick Tresset so entwickelt wurden, dass sie Diagramme und Darstellungen von Robotern direkt auf die Papierrolle zeichnen und damit fiktive Zukunftsszenarien generieren.

The Death of Marxism ist eine Tapisserie und zugehörige Performance, die das Grab von Karl Marx in London zeigt, welches normalerweise mit der Inschrift „Workers of All Lands Unite“ („Arbeiter aller Länder vereinigt Euch“) versehen ist. Macuga textet diesen weltberühmten Slogan um in „Women of All Lands Unite“. Nackte und bekleidete Damen aus der voyeuristischen Bildwelt des tschechischen Fotografen Miroslaw Tichý setzt sie zusammen mit ihren eigenen Aufnahmen in eine Collage, angeordnet um die Ruhestätte des deutschen Philosophen, Ökonomen und Gesellschaftstheoretikers – sie scheinen ein konspiratives Happening abzuhalten …

Mit diesen und weiteren Arbeiten eröffnet Goshka Macuga in der Ausstellung Intellectual Co-operation immer neue Wahlverwandtschaften. Ansinnen ihrer künstlerischen Arbeit ist es, theoretische wie auch reale Zusammenhänge nonchalant miteinander zu verknüpfen, anders zu denken sowie durch die Rekontextualisierung historischer Artefakte ihre Aktualisierung zu ermöglichen. Mit diesem Ausstellungsprojekt stiftet sie einen fruchtbaren Transfer zwischen Neuem Museum und Germanischem Nationalmuseum, in dem einige epochale Exponate in neuem Licht erscheinen sowie Wendepunkte der (Kunst-)Geschichte visualisiert werden und damit für eine weitreichendere Debatte zur Disposition stehen.

Die Ausstellung im Neuen Museum ist die erste museale Präsentation von Goshka Macuga in Deutschland. Die Künstlerin wurde 1967 in Warschau geboren und lebt und arbeitet seit den Anfängen ihres Studiums 1989 in London. Seit ihren Teilnahmen an der Biennale in Venedig 2009 und der documenta 13 im Jahr 2012 wird ihr international viel Beachtung geschenkt – in den vergangenen Jahren hatte sie große Ausstellungen in der Fondazione Prada in Mailand (2016), im New Museum in New York (2016) und im Center for Contemporary Art Witte de With in Rotterdam (2017).

Eine Kooperation des Neuen Museums mit dem Germanischen Nationalmuseum